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27. September 2016

Lawinen – Die stillen Killer

von Chris Werren

 «Lawinen diskriminieren niemanden, sie sind Gelegenheits-Killer die jeden am Berg erwischen können! Jeder Schneesportler, der sich ins unkontrollierte Tiefschnee Terrain begibt, muss deshalb über sie Bescheid wissen.»

Freeriden und Skitouren sind mittlerweile zu einem Trendsport geworden. Immer mehr Schneesportler entscheiden sich ihre Freizeit ausserhalb des von Bergbahnen erschlossenen Skigebiets zu verbringen umso der Hektik auf den präparierten Pisten entfliehen zu können.

Lawinen im Himalaya

Lawinen Abbruch Mt. Apharwat 4’200, Gulmarg

Tatsächlich ist das Skifahren und Snowboarden im Tiefschnee eine fantastische Freizeitbeschäftigung, sie hilft uns den Alltag zu vergessen und gibt uns die Möglichkeit zur sportlichen Selbstverwirklichung. Freeriding, Skitouren und Schneeschuh Wanderungen geben uns zudem die Gelegenheit unsere Grenzen kennenzulernen und zu lernen unsere Ängste zu überwinden. Zudem schaffen sie die Voraussetzungen um einzigartige Erfahrungen und unvergessliche Erlebnisse mit Familie und Freunden zu teilen.

Neben den vielen positiven Erfahrungen bringt diese Sportart aber auch viele Risiken mit sich!

Freeriden, Skitouren und auch Schneeschuh Wanderungen in höheren Lagen gehören zu den Risiko Sportarten und dies zu Recht. Die meisten Schneesportler, vor allem Personen welche das pistennahe Pulverschnee Terrain befahren oder begehen, sind sich oft der damit verbundenen Gefahren nicht bewusst oder ignorieren sie!

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Das Freeride Gebiet auf 4’000m am Mt. Apharwat in Gulmarg, Kaschmir

Seit vielen Jahren fahre ich privat und beruflich Ski im Tiefschnee und seit 2006 organisiere und leite ich jedes Jahr Freeriding und Pulverschnee Programme im Himalaya. Ich durfte in meinem Leben viele schöne Momente in den Bergen verbringen, leider aber auch viele kritische Situationen beobachten und miterleben. Von schweren Unfällen mit tragischen Konsequenzen bin ich bis jetzt aber glücklicherweise verschont geblieben. Dies verdanke ich vor allem der Einhaltung von folgenden Grundregeln:

  • Nie ohne vollständige Lawinen Ausrüstung im freien Gelände Ski fahren „Nur die beste Ausrüstung ist gut genug!“;
  • Sicherstellen, dass meine Gäste und ich die Produkte beherrschen und und die Rettungsmethoden jederzeit anwenden können „Üben bis man es im Schlaf kann!“;
  • Umfassendes und bewusstes Risiko Management „Gefahren reduzieren ohne den Spass zu eliminieren!“

Das Leben ist zu kurz um bei der Lawinen Ausrüstung und Ausbildung zu sparen oder am Berg Nachlässigkeit zu tolerieren!

Über die vergangenen Jahre durfte ich weit über 1’000 Personen aus aller Welt in Gulmarg, Kaschmir zum Skifahren und Snowboarden auf unberührten Hängen begrüssen. Die meisten unserer Gäste waren gute Fahrer und verfügten auch über die empfohlene Ausrüstung für das Fahren im Tiefschnee. Was die Lawinenausbildung und den Umgang mit den Produkten betrifft, hatte es aber viel Verbesserungsbedarf.

Der Ausbildungsstandard und das Gefahrenbewusstsein unserer Gäste in Gulmarg

Wer im freien Gelände Schneesport betreibt, muss die folgenden zwei Anforderungen erfüllen – egal ob man alleine oder mit einem kompetenten Führer unterwegs ist:

  • Man muss das Terrain und die dortigen Gefahren selbst einschätzen und beurteilen können;
  • Jeder muss richtig und vollständig ausgerüstet sein, wissen wie mit den Suchgeräten umgegangen wird und was im Fall eines Lawinenabgangs zu tun ist.

Die gute Nachricht ist, dass gut 80% unserer Gäste richtig ausgerüstet zu uns kommen. Die meisten haben Lawinen Produkte die den aktuellen Standards entsprechen und können sie auch in Betrieb nehmen. Auf den wirkungsvollen Einsatz im Ernstfall sind aber die wenigsten vorbereitet und viele würden bei so einer Situation wahrscheinlich versagen.

Die meisten Gäste beherrschen ihre Produkte nicht wirklich, sie sind sich auch der tatsächlichen Gefahren am Berg zu wenig bewusst und verfügen nur über geringe oder gar keine Kenntnisse um das Terrain und die Lawinengefahr vernünftig beurteilen zu können!

Pulverschnee Kurse Schweiz

Skifahren am Hinteren Eggli bei Gstaad

Hier die wichtigsten Erkenntnisse aus meiner Tätigkeit als Führer und Leiter von Pulverschnee Programmen im Himalaya im Überblick:

  • Ein grosser Teil der Teilnehmenden an unseren Programmen reist heute mit eigener Lawinen Ausrüstung an;
  • Schlecht, nur teilweise oder gar nicht ausgerüstet sind häufig Neueinsteiger oder Gelegenheits-Freerider und -Tourengänger;
  • Seit 2013 reisen etwa 30% unserer Programmteilnehmenden mit einem Lawinenrucksack mit Airbag an;
  • Viele Teilnehmende verfügen zwar über die erforderliche Sicherheits-Ausrüstung, es fehlen aber das Wissen über die richtige Handhabung der Suchgeräte und die Kenntnisse zu deren wirkungsvollen Nutzung im Ernstfall;
  • Die Mehrheit der Gäste hat noch nie an einer richtigen Lawinenausbildung teilgenommen oder intensiv mit den Geräten geübt;
  • Viele sind über die Verfügbarkeit von Lawinenbulletins im Bild, einige kennen die Gefahrenstufen, aber nur wenige wissen wie sie konkret zu interpretieren sind;
  • Kaum einer der Teilnehmenden wäre im Ernstfall in der Lage wirkungsvoll einzugreifen.

Auch wenn sich der Ausbildungsstand der Teilnehmenden seit 2006 verbessert hat, so ist es trotzdem erschreckend festzustellen, dass nur wenige der Freerider am Berg in der Lage wären nach einem Lawinenabgang richtig und wirkungsvoll einzugreifen um Verschüttete zu retten.

Privat Ski Unterricht

Chris Werren beim Extrem-Freeriden im Himalaya

Natürlich vermitteln die Statistiken über Lawinen Opfer den Eindruck, dass es jeden Winter nur wenige trifft. Man geht davon aus, dass die Ursache in diesen Fällen sowieso fahrlässiges Handeln war und dass man selbst nie in eine solche Situation geraden wird. Tatsache ist, die Berge sind unberechenbar und es kann jeden treffen, überall und jederzeit!

Schneesport Aktivitäten im Tiefschnee sind faszinierende Freizeitbeschäftigungen – aber wegen der Lawinengefahren auch Aktivitäten mit viel Potential für tragische Erlebnisse:

«Lawinen sind wie die Monster in Horror Filmen. Sie warten darauf, dass jemand kommt und sie auslöst! Lawinenabgänge sind brutale Ereignisse und man kann ihnen meistens nicht entkommen oder sich daraus aus eigener Kraft befreien!»

Richtig ausgerüstet im Tiefschnee – Eine Sache der Vernunft und der Verantwortung!

Die richtige Ausrüstung ist das A und O für jeden Pulverschneefahrer und Tourengänger. Sie erhöht unsere Chancen einen Lawinenabgang zu überleben und anderen Menschen das Leben zu retten. Sie ist aber kein Grund um auf ein bewusstes Risiko Management zu verzichten.

Für alle Schneesportler (Skifahrer, Snowboarder, Schneeschuh Wanderer), die sich neben die Piste begeben, sind diese Ausrüstungskomponenten Pflicht, immer und überall:

  • Ein vernünftiger Tagesrucksack mit Ski-/Snowboardbefestigung, 22l bis 28l (Airbag ready)
  • Ein digitales Lawinen Verschütteten Suchgerät
  • Eine Lawinenschaufel mit einem langen Griff und Hacke Funktionalität
  • Eine Sonde, min. 280cm Länge
  • Ein komplettes erste Hilfe Set

Schneesportler können heute auf ein breites Produkte Sortiment zugreifen. Die wichtigsten Anbieter sind Ortovox, Mammut, BCA und Pieps.

Himalaya Pulverschnee Skifahren

Gulmarg Drang Run, 1’800 Höhenmeter unberührte Hänge im Himalaya

Allerdings gibt es ein paar Punkte die man beim Kauf berücksichtigen sollte damit das Produkt auch seinen Zweck erfüllt.

 Freeride Rucksack

Gute Rucksäcke gibt es viele. Für mich ist es wichtig, dass sie komfortabel zu tragen sind, dass sie gross genug sind um alle erforderlichen Dinge zu transportieren (Ersatzhandschuhe, Mütze, Trinkflasche, Snacks, Erste Hilfe Set, allenfalls zusätzliche warme Kleider), und dass sie über ein separates und rasch zu erreichendes Fach für Lawinenschaufel und Sonde verfügen.

Freerider die sich einen neuen Rucksack beschaffen wollen, sollten auch darauf achten, dass dieser «Airbag Ready» ist.

Für mich ist es zudem wichtig, dass ich die Skier sowohl seitwärts wie auch diagonal aufschnallen kann. Ich benutze deshalb den Mammut Ride Removable Airbag (Ready) Rucksack.

Lawinen Verschütteten Suchgerät LVS

Hier gibt es vier Hersteller welche brauchbare Produkte anbieten, Ortovox, Mammut, BCA und Pieps. Alle Suchgeräte dieser Anbieter erfüllen den gewünschten Zweck. Allerdings, wer sich ein neues Produkt beschafft, sollte sich über Folgendes bewusst sein: Je teurer das Model desto komplexer ist in der Regel die Bedienung und umso mehr Training im Umgang damit ist erforderlich. Je weniger das Produkt kostet desto einfacher ist die Bedienung.

Für den typischen Freerider sind die Produkte in der Preismittelklasse die beste Wahl. Wir vermieten unseren Gästen das Ortovox 3+ LVS und haben damit gute Erfahrungen gemacht.

Ich empfehle die Lawinen Suchgeräte regelmässig zu überprüfen und dem neusten Stand der Technik anzupassen, die Software der digitalen Geräte zu aktualisieren und die analogen Geräte mit modernen Produkten zu ersetzen!

Lawinen Sonden

Mit der Genauigkeit der heutigen Suchgeräte hat die Sonde an Bedeutung verloren, trotzdem ist sie immer noch ein unverzichtbarer Teil einer vollständigen Lawinenausrüstung. Es kann immer Situationen geben bei denen Menschen verschüttet werden, die kein Suchgerät bei sich tragen oder es in einer Aussentasche mitgeführt und es deswegen in der Lawine verloren haben.

Wir sehen viele Gäste die mit Sonden mit einer Länge von 240cm ausgerüstet sind. Meiner Meinung nach sind diese Sonden zu kurz um wirkungsvoll suchen zu können. Die Schneeschicht einer Lawine ist in der Regel hart und über 100cm tief. Deshalb empfehle ich Sonden zu kaufen die mindestens 280cm lang oder idealerweise sogar 320cm lang sind.

An unsere Gäste vermieten wir die Ortovox 320+ PFA Sonden.

Lawinen Schaufel

Früher sind Gäste noch mit Schaufeln mit einem Plastikblatt angereist. Vernünftigerweise haben in der Zwischenzeit fast alle namhaften Anbieter diese Art von Schaufel aus dem Sortiment genommen. Eine richtige Lawinenschaufel ist aus Aluminium und verfügt über einen langen Stiel, min. 80cm. Idealerweise sollte sie mittels einer variablen Stielpositionierung auch als 90°-Hacke genutzt werden können.

Ich benutze die Ortovox Kodiak Schaufel, an die Gäste vermieten wir die Ortovox Beast Schaufel.

Lawinen Rucksäcke

Grundsätzlich gehört auch der Lawinenrucksack mit Airbag zur Grundausrüstung für jeden Freerider und Tourengänger. Ich habe lange gezögert dieses Produkt zu empfehlen, weil anfangs bei vielen Freeridern der Eindruck entstanden ist, dass ihnen dank des Rucksacks nichts mehr passieren kann.  Dem ist nicht so, trotzdem kann der Rucksack die Verschüttung verhindern oder die Verschüttungstiefe reduzieren und damit die Überlebenschancen erhöhen. Einige statistische Details dazu hier: http://www.powderguide.com/magazin/report/artikel/studie-zur-effektivitaet-von-lawinenairbags.html

Der Kunde kann heute zwischen einer Reihe von Produkten wählen. Es gibt ABS und weitere Rucksack Hersteller die das ABS System in ihren Produkten verwenden. Andere ebenbürtige Anbieter sind Mammut mit dem snowpulse System sowie Ortovox, Scott, Black Diamond und BCA.

Meine Führer und ich sind mit snowpulse Guide Rucksäcken resp. Mammut Pro Protect mit snowpulse Airbag ausgerüstet.

Lawinen im Himalaya

Rettungseinsatz am Berg – Das Monster hat zugeschlagen!

Ohne Ausbildung nützt die beste Ausrüstung nichts – Lawinenkurse sind Pflicht!

Wir wissen, dass die grösste Gefahr beim Schneesport im freien Gelände Lawinen sind. Neben einer guten Ausrüstung ist deshalb auch eine vernünftige Ausbildung in der Such- und Rettungsmethodik sowie in der Beurteilung der Lawinengefahr ein Muss!

«Nach einem Lawinenabgang sind die ersten 15 Minuten entscheidend. Damit Leben gerettet werden können, muss jeder Schneesportler das Lawinensuchgerät LVS beherrschen und effizient mit Schaufel und Sonde umgehen können.»

Immer mehr Freerider und Tourengängern verfügen heute über eine Lawinen Ausrüstung. Die meisten machen mit ihren Geräten nach dem Kauf erste Funktionstests und lesen die Betriebsanleitung. Einige führen gemeinsam mit Freunden oder an Übungsanlagen bei den Bergbahnen erste elementare Suchübungen durch und ein paar Weitere nehmen sogar an Lawinenkursen teil.

Die Suchübungen mit Freunden oder an fest installierten Übungsanlagen sind gut geeignet um sich die Bedienungskompetenz am Gerät anzueignen, sie ersetzen aber keinesfalls simulierte Rettungsübungen im Gelände. Feste Übungsanlagen sind aber auch ideal um erlernte Suchfähigkeiten zu vertiefen und zu repetieren.

Baba Reshi Waldabfahrt Gulmarg

Chris Werren beim Pulverschnee Fahren in den Wäldern von Gulmarg, Kaschmir

In Lawinenkursen hingegen, werden die Teilnehmenden im Umgang mit den Produkten umfassend geschult und sie führen simulierte Such- und Bergungsübungen durch. Es wird ihnen zudem das Wissen über die Bedeutung und die Interpretation des Lawinenbulletins vermittelt und sie erhalten wichtige Tipps zum Verhalten im Terrain.

Die Kursteilnehmer erhalten zudem eine Einführung in die 3×3 Risiko Management Methode und erfahren wie die Lawinengefahr beurteilt und Stabilitätstests durchgeführt werden.

Lawinenkurse werden heute in fast allen Skigebieten angeboten. Ich biete jeden Winter entsprechende Kurse an, einerseits Lawinenkurse in der Schweiz, in Gstaad und andererseits Lawinenkurse im Himalaya, in Gulmarg.

Wer im freien Gelände seinen Schneesport Aktivitäten nachgeht, muss richtig ausgerüstet sein. Zudem muss man in der Lage sein ein bewusstes Risiko Management zu betreiben und fähig sein im Ernstfall richtig zu intervenieren. Wer es darauf ankommen lässt und dem Motto folgt «Mir wird schon nichts passieren» hat gute Chancen böse Überraschungen zu erleben.

Im nachstehenden Video «Know Before You Go» hört man Tipps von Profis und sieht schöne und eindrucksvolle Szenenbilder aus den Bergen. Die Texte sind in Englisch, trotzdem lohnt es sich das Video anzusehen.

Auf einen guten Winter mit vielen schönen Tiefschnee Erlebnissen ohne Unfälle!

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